Safe Harbour, Block-Ansatz und neue Dokumentationspflichten: Was ab April 2026 gilt und was Sie bis dahin erledigen sollten
Indien reformiert sein Steuerrecht. So gilt ab April 2026 ein neues Einkommensteuergesetz. Die Safe-Harbour-Regeln werden grundlegend vereinfacht. Und wer konzerninterne Transaktionen mit seiner indischen Einheit abwickelt, hat mehr Spielraum als bisher.
Für gut strukturierte Unternehmen bedeutet das: weniger Dokumentationsaufwand, längere Planungshorizonte und neue Kategorien, die es bisher nicht gab. Aber nur, wer die Änderungen kennt, kann sie nutzen.
Wir haben deshalb die wichtigsten Punkte für Sie zusammengefasst.
Für wen ist dieser Artikel gedacht? Mittelständische europäische Unternehmen mit Tochtergesellschaften, GCCs, IT-Captives oder Produktionsstandorten in Indien, die konzerninterne Transaktionen mit ihrer indischen Einheit abwickeln.
1. Ein neues Steuergesetz – und was sich wirklich ändert
Indien verabschiedet sich von seinem Einkommensteuergesetz aus dem Jahr 1961. Der neue Income Tax Act 2025 tritt am 1. April 2026 in Kraft – ein Datum, das für alle Unternehmen mit Indien-Aktivitäten relevant ist.
Die gute Nachricht: Inhaltlich ändert sich im Transfer Pricing wenig. Die bestehenden Pflichten werden übernommen, lediglich in eine neue Systematik eingebettet. Was sich ändert, sind die Paragraphennummern. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Ist es aber nicht, wenn interne Richtlinien, Intercompany-Verträge und Prozessdokumente auf das alte Gesetz verweisen.
Was Sie konkret tun sollten:
- Alle internen Dokumente mit Verweis auf den Indian Income Tax Act 1961 identifizieren.
- Referenzen bis April 2026 auf das neue Gesetz aktualisieren.
- Laufende TP-Audits auf mögliche Übergangseffekte prüfen – CBDT*-Guidance dazu steht noch aus.
[*CBDT = Die Central Board of Direct Taxes ist die oberste Steuerbehörde Indiens für direkte Steuern. Sie untersteht dem Finanzministerium und veröffentlicht verbindliche Richtlinien zum Transfer Pricing. Solange die CBDT keine Guidance herausgibt, gelten bestimmte Spielregeln als noch nicht festgelegt.]
Unser Hinweis: Das ist kein inhaltliches, sondern ein formales Compliance-Thema. Gehen Sie es jetzt an um später unnötige Diskussionen mit Behörden und Prüfern zu vermeiden.
2. Block-Ansatz: Drei Jahre statt ein Jahr
Bisher war Transfer Pricing in Indien ein jährliches Ritual: Benchmarking, Dokumentation, Prüfung – immer wieder von vorne. Ab dem 1. April 2026 ändert sich das.
Der neue Block-Ansatz erlaubt es, einen einmal anerkannten Arm’s Length Price (ALP) – also den marktüblichen Preis für konzerninterne Transaktionen – für ähnliche Transaktionen der nächsten zwei Jahre zu übernehmen. Statt jährlicher Einzelprüfung gilt ein 3-Jahres-Block. Für Unternehmen mit stabilen, wiederkehrenden Leistungsbeziehungen ist das ein echter Fortschritt. IT-Services, Back-Office-Support, Shared-Service-Leistungen – all das sind typische Kandidaten. Das Ergebnis: weniger Aufwand, weniger Kosten, mehr Vorhersehbarkeit.
Wo Vorsicht geboten ist: Wenn sich Marktbedingungen innerhalb der drei Jahre wesentlich verändern – etwa durch Währungsschwankungen oder neue Wettbewerber – kann ein festgelegter Preis nachteilig werden. Der Block-Ansatz ist kein Automatismus. Er ist eine Entscheidung, die durchdacht sein will.
Wichtig: Der Antrag muss beim Transfer Pricing Officer gestellt werden. Was genau als ähnliche Transaktion gilt, konkretisiert die CBDT* noch durch eigene Guidance. Wir behalten das für Sie im Blick.
3. Safe Harbour: Einfacher, länger gültig – und mit neuen Kategorien
Safe-Harbour-Regeln sind für viele unserer Kunden das wichtigste Instrument im indischen Transfer Pricing. Die Logik dahinter ist einfach: Wer bestimmte Mindestmargen einhält, ist vor Transfer-Pricing-Prüfungen geschützt – ohne aufwändiges Benchmarking. Der Finance Bill 2026 bringt hier die umfassendste Reform seit Einführung der Regeln im Jahr 2013.
Was sich ändert – auf einen Blick:
| Kategorie | Bisher | Ab Finance Bill 2026 |
| IT-Services (alle Arten) | 17–24 % (gestaffelt) | 15,5 % (einheitlich) |
| ITeS / BPO / KPO (IT-gestützte Dienst- und Wissensleistungen) | 17–24 % (gestaffelt) | In IT-Services integriert: 15,5 % |
| Cloud / Data-Centre-Services | Nicht vorhanden | Neu: 15 % auf Kosten |
| Elektronik-Lagerhaltung | Nicht vorhanden | Neu: ca. 2 % auf Kosten |
| Gültigkeitsdauer | 1–2 Jahre | Bis zu 5 Jahre |
Drei Punkte stechen besonders hervor:
- Alle IT-Kategorien werden zu einer einzigen zusammengefasst. Das klingt technisch, hat aber praktische Konsequenzen – weniger Abgrenzungsdiskussionen mit dem Finanzamt darüber, ob ein Service nun IT, ITeS oder KPO ist.
- Die neue einheitliche Marge von 15,5 % liegt unter den bisherigen Höchstwerten. Für GCCs und IT-Captives europäischer Unternehmen, die bisher Margen von 24 % rechtfertigen mussten, ist das eine spürbare Erleichterung.
- Der Safe Harbour gilt künftig bis zu fünf Jahre. Wer einmal die Anforderungen erfüllt, muss nicht jedes Jahr neu beantragen. Das reduziert den administrativen Aufwand erheblich.
Noch im Entwurfsstadium: Finance Bill 2026 und Draft Rules 2026 sind noch nicht final verabschiedet. Die Werte können sich leicht verschieben. Wir empfehlen, sich frühzeitig zu positionieren – nicht erst, wenn die Regeln in Kraft sind.
4. Toleranzbänder: Eine offene Flanke, die Sie kennen sollten
Bei Transfer-Pricing-Prüfungen gilt in Indien eine Toleranzgrenze: Liegt Ihr Verrechnungspreis innerhalb einer bestimmten Bandbreite um den marktüblichen Preis, gibt es keine Anpassung. Für das Prüfungsjahr 2025-26 gilt 1 % für Großhandelsgeschäfte und 3 % für alle anderen Transaktionen.
Das Problem: Für das Folgejahr hat die CBDT noch keine entsprechende Festlegung veröffentlicht. Unternehmen, die jetzt ihre Verrechnungspreise für FY 2025-26 dokumentieren, wissen schlicht nicht, welche Toleranz gilt. Das ist kein theoretisches Risiko – es ist eine konkrete Unsicherheit, die Ihre Dokumentationsstrategie beeinflusst.
Unser Rat: Dokumentieren Sie Ihre Verrechnungspreise für FY 2025-26 konservativ – also möglichst nah am Marktpreis. Sobald die CBDT die Toleranzbänder für AY 2026-27 veröffentlicht, prüfen wir gerne gemeinsam die Auswirkungen auf Ihre Strukturen.
5. Schnellere Verfahren: Was die 60-Tage-Regel und APA-Rekorde bedeuten
Die 60-Tage-Regel
Transfer-Pricing-Prüfungen in Indien können sich über Jahre hinziehen – das ist bekannt und war lange ein echtes Problem. Der Finance Bill 2026 setzt hier ein klares Signal: Der Transfer Pricing Officer muss seine Prüfung künftig innerhalb von 60 Tagen abschließen, nachdem der Fall an ihn verwiesen wurde. Bisher war das nur eine administrative Empfehlung. Jetzt wird es Gesetz.
Ob die Frist in der Praxis konsequent eingehalten wird, bleibt abzuwarten. Aber die Richtung stimmt.
APA-Programm: Rekordzahlen und neue Geschwindigkeit
Advance Pricing Agreements – kurz APAs – sind Vereinbarungen, die Sie vorab mit der indischen Steuerbehörde über Ihre Verrechnungspreise treffen, für mehrere Jahre im Voraus. Das schafft maximale Rechtssicherheit und eliminiert das Prüfungsrisiko weitgehend.
Im Geschäftsjahr 2024-25 hat Indien einen Rekord von 174 APAs abgeschlossen, davon 65 bilaterale APAs mit Partnerländern – darunter die Niederlande, das UK und die USA. Deutschland wird zunehmend relevanter. Der Finance Bill 2026 sieht zudem ein strafferes Verfahren vor, mit einer angestrebten Bearbeitungszeit von 24 Monaten.
Wichtiger strategischer Hinweis: Wer Safe Harbour wählt, kann kein MAP-Verfahren (=Mutual Agreement Procedure) mehr einleiten. Diese Entscheidung muss strategisch getroffen werden. Wir helfen Ihnen, die richtige Wahl für Ihre Situation zu treffen.
6. Wo die Behörden 2026 besonders genau hinschauen
Nicht alle Transaktionen werden gleich intensiv geprüft. Basierend auf den aktuellen Entwicklungen und der Behördenpraxis sind folgende Bereiche besonders im Fokus:
- Lizenzen und Intangibles: Indien folgt den OECD-Regeln (BEPS) und prüft, wer tatsächlich Risiken trägt und Wert schöpft. Ohne saubere DEMPE-Analyse wird es schwierig.
- Management Fees: Viele Unternehmen belasten ihre indische Tochter mit Management Fees. Ohne klaren Nachweis des tatsächlichen Nutzens werden diese regelmäßig gestrichen.
- Thin Capitalisation: Der Zinsabzug ist auf 30 % des EBITDA begrenzt. Überschreitungen werden steuerlich nicht anerkannt.
- Secondary Adjustments: Wird ein Verrechnungspreis angepasst und die Differenz nicht rechtzeitig repatriiert, fällt eine Zusatzsteuer von 18 % an. Ein Risiko, das viele unterschätzen.
- GCC und IT-Captives: GCC-Strukturen und IT-Captives stehen durch die neue konsolidierte IT-Kategorie unter besonderer Beobachtung.
[*BEPS = Base Erosion and Profit Shifting ist ein internationales Regelwerk der OECD. Es soll verhindern, dass Konzerne Gewinne künstlich in Niedrigsteuerländer verschieben. Indien hat diese Regeln weitgehend übernommen. Die Behörden prüfen deshalb genau, ob Gewinne dort versteuert werden, wo tatsächlich Wertschöpfung stattfindet.
*DEMPE steht für Development, Enhancement, Maintenance, Protection, Exploitation – also Entwicklung, Verbesserung, Pflege, Schutz und Verwertung von immateriellen Werten wie Marken, Patenten oder Software. Die Analyse beantwortet eine zentrale Frage: Wer hat tatsächlich zur Entstehung eines immateriellen Werts beigetragen – und wer darf deshalb die damit verbundenen Gewinne behalten? Ohne diese Dokumentation erkennt Indien Lizenzgebühren und Royalties regelmäßig nicht an.]
7. Dokumentation: Was Sie wann einreichen müssen
Transfer Pricing in Indien ist dokumentationsintensiv. Die Fristen sind eng, die Strafen bei Versäumnissen empfindlich. Hier die wichtigsten Eckdaten:
| Was? | Ab wann? | Frist |
| TP-Dokumentation (Local File) | Ab ca. €110.000 Transaktionsvolumen | Zeitgleich zur Transaktion |
| Form 3CEB (CA-Zertifikat) | Alle internationalen Transaktionen | 30. November des Prüfungsjahres |
| Steuererklärung (TP-pflichtig) | — | 30. November |
| Master File / CbCR (= Country-by-Country Reporting) | Ab vorgeschriebenem Gruppenumsatz | Separate Fristen |
Bei Nicht-Einreichung des Form 3CEB droht eine Strafe von INR 100.000 (ca. € 1.100). Deutlich schmerzhafter ist die Konsequenz bei fehlerhaften Verrechnungspreisen: Bis zu 200 % der unterbewerteten Steuer als Strafzahlung.
Neu ab 2026: Die Draft Rules 2026 verlangen elektronische Buchführung, die jederzeit in Indien abrufbar sein muss. Prüfen Sie jetzt, ob Ihre Systeme diese Anforderung erfüllen – das ist kein Thema, das man kurzfristig lösen kann.
8. Was jetzt zu tun ist – Ihr konkreter Aktionsplan
Sofort (Q1/Q2 2026)
- Interne Dokumente und Verträge auf das neue Steuergesetz aktualisieren, das ab April 2026 gilt.
- Prüfen, welche Intercompany-Transaktionen für den neuen 3-Jahres-Block qualifizieren.
- Safe-Harbour-Analyse durchführen: Lohnen sich die neuen IT- oder Data-Centre-Margen für Ihre Struktur?
- TP-Dokumentation für FY 2025-26 konservativ und zeitnah aufbauen.
- Elektronische Buchführung in Indien auf Konformität mit den Draft Rules 2026 prüfen.
Mittelfristig (2026–2027)
- APA-Antrag prüfen – besonders für wiederkehrende, wesentliche Transaktionen mit NL/UK/DE.
- Management-Fee-Strukturen mit sauberer Benefits-Test-Dokumentation absichern.
- Lizenzverträge und Royalties nach BEPS-Standard (DEMPE-Analyse) überprüfen.
- Cloud- und Data-Centre-Strukturen auf die neue Safe-Harbour-Kategorie prüfen.
Dauerhaft
- Monitoring-System für CBDT-Notifications einrichten: Tolerance Ranges, neue Circulars, Safe-Harbour-Verlängerungen.
- Zentrales TP-Governance-Framework für Ihre EU-Indien-Strukturen aufbauen.
Fazit
Indiens Transfer-Pricing-Reformen 2026 sind kein Grund zur Beunruhigung. Sie sind eine Einladung zur Optimierung. Weniger Bürokratie durch den 3-Jahres-Block, mehr Planungssicherheit durch längere Safe-Harbour-Gültigkeit, neue Kategorien für Cloud-Services, schnellere Behördenverfahren – Indien entwickelt sein Steuerrecht in eine Richtung, die gut strukturierte Unternehmen belohnt.
Frühzeitiges Handeln schafft Gestaltungsspielraum. Kurzfristiger Anpassungsdruck lässt sich so vermeiden.
Haben Sie Fragen zu Ihrer konkreten Situation?
Wir begleiten mittelständische Unternehmen seit mehr als 20 Jahren bei ihren Indien-Aktivitäten – von der Strukturberatung bis zur laufenden Transfer-Pricing-Compliance. Gerade komplexe Themen, sind unsere Expertise. Sprechen Sie uns an. Wir schauen gemeinsam, wo konkreter Handlungsbedarf besteht.
Jetzt kostenfreies Erstgespräch anfragen.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Steuerberatung. Einige der beschriebenen Regelungen (Finance Bill 2026, Draft Rules 2026) befinden sich noch im Gesetzgebungsverfahren. Stand: Februar 2026.