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Historischer Wendepunkt mit Hausaufgaben: Das EU-Indien-Handelsabkommen aus Sicht der Praxis  

Dr. Johannes Wamser · 28. Januar 2026
Indische und Europäische Flagge

Mike Batra und Dr. Johannes Wamser (Gründer der Indienberatung Wamser + Batra GmbH) im Gespräch über neue Impulse und bleibende To-dos für den deutschen Mittelstand 

Interviewer: Nach fast 20 Jahren Verhandlungen wurde gestern das EU-Indien-Handelsabkommen unterzeichnet. Die Politik spricht vom „größten Handelsabkommen aller Zeiten“, Ursula von der Leyen von einem „historischen Moment“. Was bedeutet das für deutsche Mittelständler? 

Johannes Wamser: Schauen Sie, ja, es ist ein wichtiger Meilenstein. Eine Freihandelszone für 2 Milliarden Menschen. Indische Zölle fallen weg auf über 90 Prozent europäischer Waren. Bei Autos sinken die Zölle von 110 auf 40 Prozent. Das sind echte Zahlen. Das sind Chancen. 

Aber seien wir ehrlich: Ein Handelsabkommen ist Papier. Es ist ein rechtlicher Rahmen. Es senkt Hürden, klar. Aber es beseitigt nicht die operative Komplexität, mit der Sie in Indien täglich zu tun haben. Da ändert sich erstmal nichts. 

Mike Batra: Genau das ist der Punkt. Viele Unternehmen denken: Super, Zölle runter, jetzt geht’s los. Aber die eigentlichen Herausforderungen liegen ganz woanders. Bürokratie. Compliance. Unklare Verfahren. Partner, die nicht halten, was sie versprechen. Kulturelle Unterschiede, die Sie unterschätzen. 

Ich sag’s mal so: Wir haben Kunden, die zahlen seit Jahren Strafzölle. 10, 15, 20 Prozent. Ohne es zu wissen. Weil das SVB-Verfahren nicht richtig gemanagt wird. Ein Handelsabkommen ändert daran genau nichts. 

Interviewer: Trotzdem sprechen Sie von Chancen. Welche konkret? 

Mike Batra: Die Chancen sind absolut real. Lassen Sie mich vier Punkte nennen. 

1. Marktzugang: Bis 2030 entsteht in Indien eine Mittelschicht von 400 Millionen Menschen. Das ist mehr als die komplette EU. Die wollen Konsumgüter, Maschinen, Medizintechnik, Autos, Luxusprodukte. Die Nachfrage steigt massiv. 

      2. Produktionsstandort: China wird vielen zu riskant. Indien als Alternative wird durch das Abkommen attraktiver. Sie haben dort qualifizierte Fachkräfte, die Englisch sprechen. Die Kosten sind wettbewerbsfähig. Und jetzt kommen bessere Handelsbedingungen dazu. 

      3. Zollersparnis: Ja, Sie sparen real Geld beim Export. Aber – und das ist wichtig – nur wenn Sie die Compliance-Anforderungen korrekt hinbekommen. 

      4. Geopolitische Diversifizierung: Die USA hauen seit 2025 Strafzölle von 50 Prozent auf indische Exporte drauf. Das macht die EU für Indien noch wichtiger. Und das erhöht Ihren Wert als europäischer Partner. 

      Johannes Wamser: Was Mike sagt, stimmt. Das Abkommen schafft auch eine politische Signalwirkung. Es zeigt: EU und Indien denken langfristig. Das gibt Investoren Mut. 

      Aber, politische Absichtserklärungen sind das eine. Die operative Realität vor Ort ist das andere. Und das sind zwei komplett verschiedene Welten. 

      Interviewer: Was meinen Sie mit operativer Realität? Was läuft da schief? 

      Johannes Wamser: Lassen Sie mich drei Hauptrisiken nennen. 

      1. Bürokratie und wechselnde Regulierung. 

      Indien bleibt hochbürokratisch. Punkt. Selbst wenn die Zölle sinken: Zollabfertigung dauert. Dokumentation ist kompliziert. GST-Regeln ändern sich. Waren müssen korrekt klassifiziert werden. Wir haben Kunden, die warten monatelang auf Genehmigungen. Obwohl theoretisch alles klar ist. Das ist Alltag. 

      2. SVB-Verfahren und versteckte Kosten. 

      Das Special Valuation Branch-Verfahren ist für Importe zwischen verbundenen Unternehmen Pflicht. Klingt technisch. Ist es auch. Viele lokale Dienstleister kennen die Regeln nicht richtig. Oder sie machen Fehler. Und dann zahlen Sie plötzlich 10, 15, 25 Prozent Strafzölle. Ohne es zu merken. Das Handelsabkommen ändert also nichts daran, dass Sie diese Verfahren sauber managen müssen. 

      3. Lokale Partner und Interessenkonflikte. 

      Viele Unternehmen arbeiten mit Agenten oder Vertriebspartnern. Die sind oft nur in bestimmten Regionen aktiv. Erfolg in Gujarat bedeutet nicht Erfolg in Tamil Nadu. Das ist wie Bayern und Berlin. Und oft bleiben Interessenkonflikte unklar. Hat der Partner noch andere Kunden? Konkurriert der mit Ihnen? 

      Mike Batra: Ich füge noch was hinzu. Die Diskrepanz zwischen Darstellung und Realität. Viele indische Partner kommen mit beeindruckenden Präsentationen. Hochglanz-PowerPoints. Große Versprechen. Aber schauen Sie genau hin. Die operative Umsetzung bleibt oft weit hinter der Selbstdarstellung zurück. Das Handelsabkommen löst auch dieses Problem nicht. 

      Interviewer: Was raten Sie Mittelständlern, die jetzt neu oder größer nach Indien wollen? 

      Johannes Wamser: Drei Dinge. 

      1. Denken vor Handeln. 

      Nutzen Sie das Abkommen als Anlass, klar. Aber nicht als Freibrief. Stellen Sie sich die richtigen Fragen. Wer sind Ihre echten Kunden in Indien? Welche Vertriebsstrukturen passen zu Ihrem Geschäft? Welche Regularien gelten für Ihre Produkte? Das Abkommen senkt Zölle. Gut. Aber es beantwortet nicht Ihre strategischen Fragen. 

      2. Compliance von Tag eins an. 

      Investieren Sie in sauberes Compliance-Management. SVB-Verfahren, GST-Strukturen, Vertragsgestaltung, Zollklassifizierung. Hört sich trocken an. Ist es auch. Aber es kostet Sie ein Vermögen, wenn Sie es ignorieren. Risikoprävention ist immer günstiger als Schadensbegrenzung. Wir haben Fälle, da mussten Unternehmen nach fünf Jahren plötzlich sehr hohe Beträge nachzahlen. Weil niemand die Regeln kannte. 

      3. Partner, die beide Welten verstehen. 

      Arbeiten Sie mit Leuten, die die indische Realität kennen UND deutsche Qualitäts- und Compliance-Standards einhalten. Nicht oder. Beides. Verlassen Sie sich nicht auf schöne Worte. 

      Mike Batra: Und noch was. Markterkundung vor Investition. Gehen Sie hin. Persönlich. Wir organisieren zum Beispiel strukturierte Markterkundungsreisen. Keine Touristentouren mit Alibi-Gesprächen, sondern echte Gespräche mit wirklichen Entscheidern. Kunden. Partnern. So bekommen Sie ein realistisches Bild. Wer sind Ihre Kunden? Welche Preise, ‚Rabatte, Anforderungen sind marktüblich? Passen die Partner? 

      Interviewer: Indien wird ja als China-Alternative gehandelt. Funktioniert das? 

      Johannes Wamser: Ja und nein. Kommt drauf an, was Sie erwarten. Indien hat massive Vorteile. Demokratie. Rechtsstaatlichkeit. Jung, dynamisch, englischsprachig. Infrastruktur wächst. Aber es ist kein Eins-zu-eins-Ersatz für China. Die Unterschiede sind real. 

      Infrastruktur: China hat Highspeed-Logistik. Perfekt getaktet. In Teilen Indiens haben Sie immer noch Stromausfälle. 

      Effizienz: Chinas Bürokratie läuft schneller. In Indien ist vieles langsamer, unvorhersehbarer. 

      Skalierung: In China skalieren Sie schnell. In Indien brauchen Sie Geduld. Lokale Netzwerke. Kulturelles Verständnis. 

      Mike Batra: Und Indien ist kein einheitlicher Markt. Das unterschätzen fast alle. Es ist eher wie 28 verschiedene Länder. Unterschiedliche Sprachen. Kulturen. Regulierungen. Was in Bangalore klappt, klappt nicht automatisch in Kalkutta. Sie brauchen eine Strategie für jede Region. 

      Interviewer: Sie betonen immer wieder „Transparenz“ und „keine Beschönigung“. Warum? 

      Mike Batra: Weil wir selbst durch die Schule gegangen sind. Johannes und ich, wir haben beide jahrelang operative Verantwortung in Indien getragen. Budgets. Krisen. Erfolge. Wir wissen, wie schnell kleine Fehler große Konsequenzen haben. 

      Und wir wissen auch: Viele Berater verkaufen schöne Konzepte. Aber wenn’s drauf ankommt, übernehmen sie keine Verantwortung für die Umsetzung. Wir machen das anders. Wir sagen klar, was funktioniert. Was riskant ist. Was wir übernehmen können. Und was nicht. 

      Johannes Wamser: Transparenz heißt für uns auch: Interessenkonflikte offenlegen. Wir arbeiten nicht mit Provisionen von irgendwelchen Drittanbietern. Wir haben keine versteckten Beteiligungen an Partnerfirmen. Was Sie von uns kaufen, ist Expertise und Umsetzungskraft. Sonst nichts. 

      Interviewer: Zum Abschluss: Was ist Ihr wichtigster Rat für Unternehmen, die das FTA als Chance nutzen wollen? 

      Mike Batra: Nutzen Sie den Moment. Aber mit Methode. Das Abkommen schafft eine gute Ausgangslage. Politisch. Wirtschaftlich. Aber Erfolg in Indien hängt von sauberer Vorbereitung ab. Von realistischer Planung. Von professioneller Umsetzung. 

      Phase eins: Qualität vor Tempo. Verstehen Sie den Markt. Die Regulierung. Die Risiken. 

      Phase zwei: Tempo vor Perfektion. Arbeiten Sie pragmatisch, iterativ. Aber auf einer soliden Basis. 

      Johannes Wamser: Und denken Sie langfristig. Indien ist kein Markt für Quick Wins. Wer hier erfolgreich sein will, braucht Geduld. Investitionsbereitschaft. Die richtigen Partner. 

      Aber dann – und das meine ich ernst – dann ist das Potenzial enorm. Gerade jetzt. Mit diesem Handelsabkommen. 

      Interviewer: Vielen Dank für das Gespräch! 

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