EU-Sanktionen und indisches Recht: Was der Fall SAP/Nayara für Ihr deutsches Unternehmen bedeutet
Wenn internationale Rechtsordnungen auf Ihren operativen Geschäftsalltag treffen
Was tun Sie, wenn Ihre deutsche Zentrale eine Geschäftsbeziehung aus sanktionsrechtlichen Gründen einschränken muss, Ihre indische Tochtergesellschaft dadurch aber möglicherweise gegen einen lokalen Vertrag verstößt?
Genau diese Frage steht im Mittelpunkt eines aktuellen Verfahrens vor dem Delhi High Court. Das Gericht hat SAP India am 21. September 2026 vorläufig angewiesen, die zuvor ausgesetzten Software- und Supportleistungen für Nayara Energy wieder vollständig bereitzustellen. SAP hatte die Leistungen im Juli 2025 unter Verweis auf EU-Sanktionen und die Verbindung von Nayara Energy zum russischen Unternehmen Rosneft eingestellt. The Economic Times
Für deutsche Unternehmen mit Indiengeschäft ist der Fall deshalb relevant, weil er ein Szenario sichtbar macht, das bisher oft nur theoretisch erschien: Europäische Sanktionen, indische Gerichtsentscheidungen und laufende Geschäftsverpflichtungen können miteinander kollidieren.
Was auf den ersten Blick wie ein Konflikt zwischen einem globalen Softwarekonzern und einem indischen Energieunternehmen wirkt, kann auch andere Branchen betreffen – etwa bei Cloud-Diensten, Maschinenwartung, Ersatzteilen, technischen Updates, Finanzprozessen oder Lieferketten.
SAP und Nayara Energy: Der Delhi High Court ordnet Wiederaufnahme von Supportleistungen an
Der Delhi High Court hat SAP India am 21. September 2026 vorläufig angewiesen, die zuvor ausgesetzten Software- und Supportleistungen für Nayara Energy wieder vollständig bereitzustellen. Betroffen waren unter anderem der SAP-ECC-Support, der Zugang zum SAP Support Portal, technische Berechtigungen und weitere Unterstützungsleistungen.
Nayara Energy argumentierte, dass die Verträge zwischen SAP India und Nayara Energy nach indischem Recht geschlossen worden seien. SAP India müsse daher seine vertraglichen Verpflichtungen erfüllen – unabhängig davon, welche Vorgaben für die deutsche SAP-Muttergesellschaft in Europa gelten.
Der Delhi High Court folgte dieser Argumentation im Rahmen einer vorläufigen Prüfung. Das Gericht sah zunächst eine starke Position von Nayara Energy und stellte fest, dass die Einstellung der Leistungen möglicherweise gegen die bestehenden Verträge verstieß. Zudem verwies es auf die erheblichen operativen Risiken, die mit dem Entzug kritischer Softwareunterstützung verbunden sein können.
SAP India wurde deshalb angewiesen, den Zustand vor der Einstellung der Leistungen wiederherzustellen. Eine abschließende Entscheidung in der Sache ist damit noch nicht verbunden. Die endgültige rechtliche Bewertung der zugrunde liegenden sanktions- und vertragsrechtlichen Fragen steht weiterhin aus.
Warum der Fall für deutsche Unternehmen mit Indiengeschäft relevant ist
Wenn Ihre indische Tochtergesellschaft auf Leistungen aus Deutschland oder Europa angewiesen ist, stellt sich im Konfliktfall nicht nur eine rechtliche Frage. Es geht auch um die Handlungsfähigkeit Ihres Geschäfts:
- Kann Ihre Tochtergesellschaft weiterproduzieren?
- Bleiben zentrale IT-Systeme und Cloud-Dienste verfügbar?
- Erhalten Sie weiterhin Sicherheitsupdates und technischen Support?
- Können Sie Ihre Finanz-, Steuer- und Reportingprozesse fortführen?
- Wer entscheidet, wenn die deutsche Zentrale und die indische Gesellschaft unterschiedlichen Vorgaben unterliegen?
- Welche Konsequenzen hat eine kurzfristige Leistungsunterbrechung für Kunden, Mitarbeiter und Behörden?
Genau hier liegt die praktische Bedeutung des Falls SAP/Nayara. Ein Unternehmen kann zwar eine sanktionsrechtlich motivierte Entscheidung treffen, diese Entscheidung aber möglicherweise nicht ohne Weiteres operativ und vertraglich in Indien umsetzen.
Wenn EU-Sanktionen und indisches Vertragsrecht kollidieren
Der Fall ist mehr als ein Streit über Software-Support. Er zeigt ein Problem, das für deutsche Unternehmen mit Indiengeschäft zunehmend an Bedeutung gewinnt: Internationale Sanktionen und Exportkontrollen können unmittelbar in laufende Vertragsbeziehungen und operative Prozesse eingreifen.
Betroffen sein können nicht nur Warenlieferungen oder Finanztransaktionen, sondern auch:
- Softwarelizenzen und Cloud-Dienste,
- Wartungs- und Supportleistungen,
- technische Updates und Sicherheits-Patches,
- Zugänge zu Plattformen und Portalen,
- Ersatzteile und technische Dokumentation,
- sowie die Unterstützung durch deutsche oder europäische Experten.
Dabei können unterschiedliche Rechtsordnungen zu gegensätzlichen Ergebnissen führen. Europäisches Recht kann ein Unternehmen dazu verpflichten, eine Geschäftsbeziehung einzuschränken oder zu beenden. Gleichzeitig kann eine lokale Tochtergesellschaft nach indischem Recht und nach dem Inhalt ihrer Verträge weiterhin zur Leistungserbringung verpflichtet sein.
Ein indisches Gericht kann dann die Wiederaufnahme einer Leistung anordnen, während die deutsche Muttergesellschaft mögliche Sanktionen, Haftungsrisiken und persönliche Verantwortlichkeiten ihrer Organe berücksichtigen muss.
Welche Risiken Sanktionen für IT, Support und Geschäftsbetrieb in Indien schaffen
Eine kurzfristige Sperrung von Softwarezugängen oder Supportleistungen kann nicht nur kaufmännische Nachteile verursachen. Sie kann auch Produktion, Logistik, Finanzbuchhaltung, Steuerprozesse, Reporting, Cybersecurity oder regulatorische Pflichten beeinträchtigen.
Das gilt insbesondere dann, wenn eine deutsche oder europäische Zentrale eng mit einer indischen Tochtergesellschaft verbunden ist und kritische Systeme, Daten oder Prozesse grenzüberschreitend betrieben werden.
Für Sie als Unternehmen ist daher entscheidend, die eigenen Abhängigkeiten zu verstehen:
- Welche Leistungen werden von der deutschen Zentrale oder europäischen Partnern erbracht?
- Welche Systeme und Prozesse sind für den indischen Betrieb unverzichtbar?
- Welche Gesellschaft ist Vertragspartner?
- Welches Recht gilt für die jeweilige Vereinbarung?
- Welche Rolle spielen deutsche, europäische, US-amerikanische und indische Vorgaben?
- Gibt es eine alternative technische oder organisatorische Lösung, wenn Leistungen kurzfristig ausfallen?
- Sind Zuständigkeiten und Eskalationswege zwischen Zentrale und Tochtergesellschaft geklärt?
Für mittelständische Unternehmen ist eine solche Bewertung besonders anspruchsvoll. Sie verfügen häufig nicht über eigene Teams für internationales Sanktionsrecht, indisches Vertragsrecht, IT-Risikomanagement und Business Continuity. Gleichzeitig können sie sich nicht darauf verlassen, dass eine einmal eingerichtete Compliance-Prüfung alle späteren Konfliktlagen abdeckt.
Wie Dr. Wamser + Batra Unternehmen bei Indien-Compliance und Risikomanagement unterstützt
Wenn Sie in Indien tätig sind, kann ein Konflikt zwischen internationalem Sanktionsrecht, indischem Recht und dem laufenden Geschäftsbetrieb schnell zu einer strategischen und operativen Herausforderung werden.
Wir bei Dr. Wamser + Batra unterstützen Unternehmen dabei, solche grenzüberschreitenden Risiken frühzeitig zu erkennen, Verantwortlichkeiten zwischen deutscher Zentrale und indischer Gesellschaft zu klären und belastbare operative Handlungsoptionen zu entwickeln.
Dazu gehören unter anderem:
- die Analyse von Geschäfts- und Lieferketten,
- die Bewertung lokaler Strukturen und Abhängigkeiten,
- die Identifikation kritischer Betriebs- und IT-Prozesse,
- die Entwicklung von Notfall- und Eskalationsprozessen,
- die Klärung von Rollen zwischen Zentrale, Tochtergesellschaft und Dienstleistern,
- sowie die Unterstützung bei der Umsetzung geeigneter Governance- und Compliance-Prozesse.
Wo eine rechtliche oder sanktionsrechtliche Einzelfallprüfung erforderlich ist, arbeiten wir mit spezialisierten Rechts- und Steuerberatern zusammen. Unser Beitrag liegt darin, die rechtlichen Anforderungen in die operative Realität des Indiengeschäfts zu übersetzen, damit aus einer abstrakten Compliance-Frage eine umsetzbare Entscheidung werden kann.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur: Was ist rechtlich zulässig? Sondern auch: Wie bleibt Ihr Indiengeschäft handlungsfähig, wenn unterschiedliche Rechtsordnungen miteinander kollidieren?
Hinweis: Der Beschluss des Delhi High Court ist eine vorläufige Entscheidung und stellt keine abschließende Bewertung der zugrunde liegenden sanktionsrechtlichen Fragen dar.
Quelle: The Economic Times: HC asks SAP India to restore services to Nayara Energy